Jeder Mensch erlebt und definiert die Entspannung unterschiedlich. Was für den einen entspannend sein kann, ist für den anderen alles andere als Entspannung. So ist es auch im Stresserleben.
Dennoch gibt es aus der medizinischen Perspektive klare Definitionen und Abgrenzungen in Bezug zum Entspannungsbegriff.
Auch dieses Thema wird sehr gerne in der mündlichen Prüfung abgefragt, weshalb ich es, anderen Artikeln ähnelnd, nun in eigenen Worten als Kurzreferat darlegen möchte.

Begriffsdefinition
Die Entspannung wird definiert als ein angenehm empfundener psychophysischer Zustand mit einem geringen biologischen Energieumsatz.
Die Wirkmechanismen dieser Entspannung erstrecken sich über die kognitive (Denken und Wahrnehmung), die emotionale (Bewegungen der Gefühle), als auch über die körperliche Ebene und sind sowohl mess- als auch definierbar.

Der Weg in den Entspannungszustand
Durch die sogenannte Entspannungsinduktion mittels standardisiertem Vorgehen eines Entspannungsverfahrens, wird eine physiologische Entspannungsreaktion hervorgerufen, die sich schlussendlich auf allen oben genannten Ebenen als Medizinischen Entspannungszustand erspüren lässt.
Voraussetzung für die Entstehung einer Entspannungsreaktion und des damit einhergehenden Entspannungszustandes sind die Bahnung und Stabilisierung durch das regelmässige und systematische Praktizieren der Verfahren.

Schematische Darstellung

Die Entspannungsreaktion
Die Entspannungsreaktion lässt sich in verschiedenen Systemen unseres Körpers physiologisch darlegen.

Physiologische Kennzeichen
Hierbei lassen sich kurzfristige von langfristigen Kennzeichen unterscheiden. Erstere kommen vor allem während der Entspannungsreaktion vor, wobei die längerfristigen Effekte sich in Form von gesundheitsfördernden Wirkungen durch das regelmässige Üben der Entspannungsverfahren zeigen.
Desweiteren erwirken die Entspannungsverfahren eine ausgleichende Modulation zwischen den beiden Nervenstrangs Sympathikus und Parasympathikus.

Neuromuskuläre Veränderungen
Die Entspannungsreaktion lässt den Tonus der Skelettmuskulatur sinken und vermindert die Tonus-aufrechterhaltende Reflextätigkeit. Dies erfolgt durch die Abnahme der Anzahl aktiver motorischer Einheiten innerhalb der Muskelfasern oder einer Senkung der Entladungsfrequenz von den Motoneuronen.

Kardiovaskuläre Veränderungen
Besonders zu erwähnen sind hier die Vasodilatation (Gefässerweiterung) und der vermehrte Blutfluss. Diese Vorgänge sind auch für die typischen Empfindungen wie dem Wärmegefühl, ein feines Kribbeln oder das Gefühl des Aufgeschwollenseins verantwortlich.
Im Weiteren ist eine ist eine Herabsetzung der Herzfrequenz, die jedoch nur minimal unter den durchschnittlichen Ruhepuls gerät, aber vor allem auch die Senkung des arteriellen Blutdrucks zu beachten.

Respiratorische Tätigkeit
Während eines zunehmenden Entspannungszustandes ist eine Verlangsamung der Atemfrequenz und eine Gleichmässigkeit des Atemzyklus festzustellen. Innerhalb des Atemzyklus nimmt die Phase des Einatmens in der Dauer zu, während das Ausatmen kürzer wird.
Ebenfalls festgestellt ist, dass sich oft eine flachere Atmung, also thorakal, einstellt.

Elektrodermale Veränderung
Während der Entspannungsreaktion nimmt die Hautleifähigkeit ab. Dies geschieht durch die Regulierung des Sympathikus, welcher für die Schweissdrüsenaktivität mitverantwortlich ist und der Haut dadurch Feuchtigkeit entzogen wird. Das hat zur Ursache, dass die Haut ein erhöhter Widerstand bzw. ein verminderter Leitwert aufweist.
Im Rahmen der elektrodermalen Reaktion können während der Entspannungsreaktion Spontanfluktuationen auftreten.

Zentralnervöse Veränderungen
Im Stadium einer bereits bestehenden gewissen Übungserfahrung ist es möglich, für eine längere Zeit in der Phase zwischen entspannter Wachheit und Schläfrigkeit zu verweilen, ohne in eine Schlafphase einzutreten.
Im EEG ist eine Veränderung der Hirnaktivität nachzuweisen, die einer solchen beim Übergangsstadium eines Einschlafprozesses entspricht.

Weitere Veränderungen
Neben einer Vielzahl weiterer, sehr personenabhängigen Veränderungen, sind hier noch ein paar einzelne zu erwähnen. So kommt es innerhalb der Entspannungsreaktion zu immunologischen Anpassungen, gastrointestinale Parameter wie die Senkung des Blutzuckers und der Cholesterinwerte, aber auch zu hormonellen Veränderungen, wie die Stabilisierung der Cortisol- oder Schilddrüsenwerte

Der Medizinische Entspannungszustand
Der Medizinische Entspannungszustand lässt sich als ein subjektives, von der Entspannungsreaktion induziertes Erleben definieren, welches in drei Ebenen beschrieben wird.
Das Denken wird ruhig und gebündelt, die Aufmerksamkeit ist dabei wertfrei beobachtete nach innen gerichtete und verweilt im Moment der Gegenwart. Die Emotionen sind sanft und es entsteht ein Zufriedenheitsgefühl. Im Körper herrscht ein wohliges Gefühl und allenfalls tauchen typische Sensationen wie ein feines Kribbeln, Wärmeempfindungen oder eine Volumenexpansion der Extremitäten auf. Die Muskulatur ist dabei locker-entspannt, der Kopf lässt sich als klar beurteilen.

Mögliche Störungen
Es kann durchaus vorkommen, dass trotz all den positiven Veränderungen auch mögliche Störungen im Entspannungszustand auftauchen können. Die typischen Nebenwirkungen sind z.B. vegetative Dysbalance wie etwa Frösteln, Übelkeit, Hitzesensationen etc., aber auch gewisse Angstzustände, Entfremdungsphänomene der eigenen Person oder psychische Dekompensationen bei besonders vulnerablen Personen.
Gerade aufgrund dieser Möglichkeiten ist es von grosser Bedeutung, ein Medizinisches Entspannungsverfahren ausschliesslich bei einer fundiert ausgebildeten Fachperson, die im Erkennen und Intervenieren auftauchender Störungen geschult ist, zu erlernen.

Na, entspannt?

Quelle:
Lehrskript medrelax 2014
Wissensaufbau aus dem Unterricht 2019 – 2021

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