Da stockt mir doch vor Angst und Schrecken gleich der Atem.
Diese Redewendung kommt nicht von irgendwo her, denn das Stocken des Atems oder weitere Formen von unkontrolliertem Atmens sind nur einzelne von sehr vielen Symptomen in einer Angstsituation. Aber dazu später mehr.

In diesem Artikel geht es um das Angstsyndrom. Für sehr viele ein äusserst faszinierendes Krankheitsbild und für noch sehr viele mehr leider ein ständiger Begleiter im Leben.
Aber wenn es richtig diagnostiziert wird und einem entsprechend guten Behandlungsplan unterliegt, ist es therapierbar.

Begriffsdefinition
Die Angst ist ein Warnsignal des Körpers und dient der Bewältigung von Bedrohungen oder Gefahrensituationen. Sie ist ein Lernprozess des Menschen der sich über kürzere und/oder über längere Zeit auf der biologischen, psychologischen und neurophysiologischen Ebene ausbreitet. Im nicht-pathologischen Ausmass ist die Angst eine natürliche Reaktion des Menschen und per se nicht unbedingt als schlecht zu bezeichnen.
Zu einem Krankheitsbild wird die Angst dann, wenn sie unangemessen stark ausgeprägt ist und zu lange auftritt.

Das Syndrom
Das Angstsyndrom lässt sich in zwei Kategorien unterteilen:
das primäre Angstsyndrom
das sekundäre Angstsyndrom
Das primäre Angstsyndrom ist ein eigenständiger Angsttyp, bei dem es sich je nach Verlauf, Symptomatik und der Komorbidität um eine eigene Krankheit handelt. In diesem Fall liegt jedoch keine reale Bedrohung vor!
Das sekundäre Angstsyndrom ist die Folge einer zugrunde liegenden Krankheit. Bei solch einer Form wird sowohl die Grunderkrankung als auch das Syndrom an sich parallel behandelt.
Die Angst als Syndrombild kennt unterschiedliche Formen der Erlebens- und Verhaltensmuster, da jeder Mensch als Individuum zu betrachten ist. Des Weiteren unterliegt es einem sehr breiten klinischen Feld von diffusen Unruhe- und Anspannungszuständen über situationsbezogenen Ängsten bis hin zu Angstzuständen in Form von heftigen Attacken oder generalisierten Ängsten.

Symptomsspektrum
Das Angstsyndrom zeigt sich mittels sehr vielen, teils stark ausgeprägten Symptomen. Um einen Überblick zu bewahren und gut abgrenzen zu können werden diese erneut in vier Ebenen eingeordnet:

Diagnosen
Im Rahmen des Angstsyndroms bestehen einige Diagnosen. Darüber hinaus kommt es nicht selten vor, dass viele Symptome auch in anderen Diagnosen wie der Depression, dem Burnout, Zwangserkrankungen etc. vorkommen. Eine vorsichtige Diagnostik ist demzufolge unabdingbar, um einen korrekten Behandlungsplan aufzustellen.
Angststörung (ICD-F41.-)
Eine typische Dynamik der Angststörung ist die Angst vor der Angst, was in einem Teufelskreis enden kann. Es wird dann zur Krankheit, wenn es unangemessen stark und häufig auftritt und mit Kontrollverlust, Zwangshandlungen und Vermeidungsverhalten einhergeht, was einen grossen Leidensdruck mit sich bringt.

Generalisierte Angststörung (ICD-F41.1)
Die Angst ist von einem anhaltenden diffusen Unbehagen behaftet, permanent frei flottierend, also nicht auf bestimmte Objekte oder Situationen bezogen. Betroffene quälen meist ständig Befürchtungen, dass irgendetwas passieren könnte oder ein Familienmitglied verunfallt bzw. erkrankt.

Panikstörungen (ICD-F41.0)
Die Panikstörung ist gekennzeichnet durch immer wiederkehrende Angstanfälle in Form von Attacken. Sie können oftmals von jetzt auf gleich auftreten und bringen ausgeprägte Symptome mit sich. Der Betroffene leidet im Zustand einer Attacke an starkem Herzklopfen (was den Patienten noch weiter in die Spirale bringen kann, weil er befürchtet an einer schlimmen Herzkrankheit bzw. einem Herzinfarkt zu sterben), Schweissausbrüchen, ausgeprägtem Zittern und einer Hyperventilation. Des Weiteren können Entfremdungs-Phänomene auftreten (Betroffener entfernt sich von sich selbst). Betroffene erleiden einen ausgeprägten Kontrollverlust und das Gefühl dem Zustand ausgeliefert zu sein.
Die Panikstörung ist oftmals mit der Agoraphobie kombiniert. (ICD-F40.01).

Phobien (ICD-F40.-)
Die Phobie ist eine ausgeprägte, belastende Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen. Sie tritt dann auf, wenn der Mensch damit konfrontiert wird und verschwindet wieder, wenn er sich diesem Objekt / der Situation entzieht. Mittlerweile kennen wir unzählige Phobien, welche übersichtshalber in verschiede Typen unterscheidet werden:
– Tierphobien (Angst vor Spinnen, Schlangen, Insekten, etc.)
– Phobien auf Blut
– Situationsbezogene Phobien, darunter die Klaustrophobie (Angst eingeschlossen zu sein, z.B. im Lift, Tunnel etc) die Agoraphobie (Angst, aus der Situation nicht flüchten zu können, z.B. grosse Menschenmengen, Zug, Bus, öffentliche Plätze etc.)
– Umweltphobie (Angst vor Gewitter, Wasser, Dunkelheit etc.)

Hypochondrische Störung (ICD-F45.2)
Diese gehört grundsätzlich zu den somatoformen Störungen und hat in Bezug zum Angstsyndrom das gemeinsame Merkmal, dass ein hypochondrischer Patient stets über körperliche Beschwerden klagt, für die es keinen medizinischen Ursprung gibt.
Betroffene haben immer wieder die Befürchtung, an einer schweren Krankheit zu leiden und neigen zu einer ausgeprägten Selbstbeobachtung.
Diese Angst, nicht gesund zu sein, führt zum körperlichen Erregungszustand, der wiederum die klassischen Angstsymptome hervorruft, was die Überzeugung krank zu sein, manifestiert.

Weitere Diagnosen eines Angstsyndroms können sein:
Posttraumatische Belastungsstörung
Zwangserkrankungen
Ängstliche Persönlichkeitsstörung
Depression und Anpassungsstörung

Wirkmechanismen der Entspannung auf das Angstsyndrom
Das Gefährliche an der Angst ist, dass sie sich bis tief ins Bewusstsein eindringen kann. Aufgrund der angstgefärbten Kognitionsmuster, die ein Mensch im Angstzustand aufweist, manövriert er sich durch das Katastrophisieren oftmals in einen Teufelskreis der Angst. Damit einhergehend gerät der Betroffene in einen affektiven Aufschaukelungsprozess, wobei der sogenannte Pont of no return überschritten wird und der Mensch nicht mehr Herr seiner Lage ist. Gerade in diesem Zusammenhang sind die Medizinischen Entspannungsverfahren ein ideales Werkzeug, diesem Prozess nachhaltig entgegenzuwirken.
Mit der Anwendung der Medizinischen Entspannungsverfahren wird der innere Unruhe- und Anspannungspegel gesenkt, es erfolgt eine Affektregulation und die Gedanken werden mit der Zeit ruhiger. Das eröffnet dem Menschen Raum für sich selbst und nicht für seine Angst. Es gelingt ihm, selbstwirksam wieder die Kontrolle über sich als Ganzes zu erlangen und fördert dadurch auch sein Selbstvertrauen.
Wo eine medizinische Entspannungsreaktion eintritt, kann physiologisch keine Angst entstehen. Mit diesem Credo steht dem Menschen mit einem Medizinischen Entspannungsverfahren eine hervorragende, natürliche Massnahme zur Verfügung, um das Krankheitsbild therapieunterstützend zu bewältigen.

Die med. Progressive Muskelentspannung ist ein handlungsaktives Verfahren (Handlung bindet die Angst und schenkt Kontrolle) und wird daher gerne als Einstiegsverfahren bei der deutlich reduzierten Konzentrationsfähigkeit angewendet. Im Weiteren ist sie ein ideales Instrument, um im Rahmen der Systematischen Desensibilisierung z.B. bei Phobien zur Anwendung zu kommen.

Das med. Autogene Training ist gerade bei situationsbezogenen Ängsten ein Gutes Verfahren um als Coping-Skill zu fungieren.

Die med. Achtsamkeits-Interozeption
Kann aufgrund ihrer Anforderung an die Aufmerksamkeit und Konzentration in einer ersten Phase als überfordernd wirken. Dann sind achtsamkeitsbasierte Bewegungselemente aus dem Qi Gong oder dem Yoga als Einstieg besser geeignet. Sie fördern den Körperbezug und die Handlungsaktivität.
Ist es dennoch möglich mit der Achtsamkeits-Interozeption zu arbeiten, werden hier insbesondere die metakognitiven Fähigkeiten ausgebaut und der obengenannte Aufschaukelungsprozess mittels dem Achtsamkeitsprinzip unterbrochen.

Modifikationen der Entspannungsverfahren
Nicht nur bei der Anwendung eines Verfahrens, sondern schon in der Gesprächsphase gilt es gewisse Dinge zu beachten. So kann mit einer ausführlichen Aufklärungsarbeit (Psychoedukation) dem Betroffenen sehr viel Sicherheit und Vertrauen vermittelt werden, was bei Angstthematiken aufgrund des befürchteten Kontrollverlustes ausschlaggebend ist. Aus diesem Grund sollte je nach Situation und Symptomatik des Patienten erwähnt werden, dass eine allfällig verstärkte Symptomreaktion während des Entspannungszustandes aufgrund des aufgebauten Körperbezuges und neu wahrgenommenen Empfindungen auftreten kann.
Angstpatienten haben im Rahmen der Bedürfnismotive AAKL (Autonomie, Autarkie, Kontrolle, Leistung) ein stark ausgeprägtes Kontrollbedürfnis. So wird vermittelt, dass sie jederzeit über die Kontrolle und Wahlfreiheit der Anwendung verfügen. Konkret heisst das, dass der Betroffene die Augen während des Übens jederzeit öffnen kann und er sich auch jederzeit selbständig aus der Entspannung zurück nehmen kann. Des Weiteren entscheidet der Patient selbst, wann er welche Form des Übens einnimmt bzw. wie er diese seinem aktuellen Befinden adaptiert.
Die Sitzposition des Betroffenen kann so ausgerichtet sein, dass er den Blick auf den Ausgang richten kann und nicht in frontaler Konfrontation zu anderen Personen steht.
Sofern die Achtsamkeits-Interozeption in Form eines länger andauernden Verweilens im Entspannungszustand angewendet wird, ist es hier zusätzlich sinnvoll, sich als Anleitende Fachperson zwischendurch immer mal wieder mündlich zu melden, um zu signalisieren, dass alles unter Kontrolle ist und der Patient der Situation nicht restlos ausgeliefert ist.
Beim Anwenden des med. Autogenen Trainings muss allenfalls die Herz- und Atemformel modifiziert oder gar ausgelassen werden, da diese – vor allem das Herz – beim Betroffenen mit negativ besetzen Gefühlen behaftet sind. Ein weiterer Grund, weshalb eine Entspannungsfachperson über ein psychopathologisches Grundlagewissen besitzen soll, da es anderenfalls zu schädigenden Komplikationen aufgrund auftretenden Flashbacks oder akute Reaktionen kommen kann, denen der Anleitende bei mangelnden Wissens nicht korrekt gegenintervenieren kann.

Ich hab echt Angst vor diesen Diplomprüfungen, mal schauen ob ich mich dann in der unmittelbar bevorstehenden Prüfungssituation mittels einem Entspannungsverfahren als Coping auffangen kann =)

Quellen:
Psychosomatik, Egle et al. Kohlhammer Verlag
Lehrskript medrelax 2014
Wissensaufbau Unterricht 2019 – 2021

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