Zur Zeit gehen mir die Lehrskripte fast gleich gut runter wie ein Teller Spaghetti – ich hoffe, dieser Zustand bleibt noch etwas bestehen.

Heute ist das Chronische Schmerzsyndrom an der Reihe. Nebst dem Depressiven- (was wir ja bereits schon durchgenommen hatten) und dem Angstsyndrom, ist das Chronische Schmerzsyndrom eines der meist verbreiteten Syndrombilder in der Bevölkerung, Tendenz steigend.
Jeder Mensch leidet irgendwann in seinem Leben einmal an einer Schmerzsymptomatik. Im besten Fall geht sie zeitnah wieder weg. In anderen Fällen wird sich dieser Zustand leider chronifizieren, was den Betroffenen in einen immensen Teufelskreis manövrieren lässt.

Begriffsdefinition Schmerz
Der Schmerz ist ein subjektiv unangenehm empfundenes Gefühls- und Sinneserleben, welches aufgrund seiner Warnfunktion vor Gefahren, Verletzungen oder Überlastungen überlebenswichtig ist.

Akuter vs. chronischer Schmerz
In der Schmerzdefinition sind zwei Arten zu unterscheiden: nämlich der akute- und der chronische Schmerz.
Der akute Schmerz übernimmt primär die Warn- und Schutzfunktion des Körpers, indem er mit seinem Auftreten signalisiert, dass etwas nicht in Ordnung ist. Der Körper versucht dann das Gleichgewicht wieder herzustellen bzw. dem Schaden entgegenzuwirken. Akuter Schmerz ist zeitlich begrenzt und verschwindet nach erfolgreicher Ursachenbehandlung.
Der chronische Schmerz hingegen hat seine Warnfunktion verloren und stellt ein eigenes Krankheitsbild dar.
Von Chronifizierung wird in der Regel dann gesprochen, wenn der Schmerz seit mehr als drei Monaten besteht.
Meistens entsteht ein chronischer Schmerz aus einem damals akuten Schmerz, wobei die damit betroffenen Nervenzellen immer empfindlicher werden und schon beim kleinsten Reiz mit einem Schmerzsignal reagieren. Durch diesen Mechanismus und der immer weiter sinkenden Schmerztoleranz baut sich ein sogenanntes Schmerzgedächtnis auf, was den Kreislauf der Chronifizierung schliesst.

Symptome
Die Symptome des Chronischen Schmerzsyndroms unterliegen vieler damit aktivierten Nervenstrukturen, die sich schlussendlich im Rahmen einzelner Ebenen zeigen.
Innerhalb der vegetativen Ebene zeigen sich Symptome wie Schwitzen, Frösteln und/oder Übelkeit. Mittels der sensorischen Ebene werden die Dauer, Intensität und der Ort des Schmerzes wahrgenommen, während auf der affektiven Ebene Unwohlsein und Gefühle des Leidens auftreten. Die Ebene der Motorik zeigt sich in Form von Flucht- und Schutzreflexen, Tonuserhöhung der Muskulatur aber auch in Änderungen der Mimik und Gestik.
Der chronische Schmerz manifestiert sich immer tiefer in die Erlebensbereiche der Patienten und löst eine Reihe verschiedener Begleitsymptome sowohl auf psychophysischer- als auch auf der psychosozialen Ebene aus.
So bestehen auf der Ebene der Kognitionen eine eingeschränkte Aufmerksamkeit und Konzentrationsverlust, der Betroffene nimmt eine falsche Kontrollüberzeugung und Bewertung ein. Desweiteren kann es sich auch im sogenannten Katastrophendenken zeigen.
Auf der Emotionsebene entstehen häufig Gefühle der Hilfs- und Hoffnungslosigkeit ein. Patienten eines Chronischen Schmerzsyndroms fühlen sich ihren Schmerzen ausgeliefert und bauen Verlustängste auf. Nicht selten taucht eine ängstliche und/oder depressive Gestimmtheit auf. Auch kommen Wut, Trauer, Kontrollverlust und starke Unsicherheit ins Spiel.
Rückzugsverhalten bis hin zur Isolation, Konflikte am Arbeitsplatz oder mit dem Umfeld, aber auch familiäre Belastungen sind typische psychosoziale Komponente, mit denen ein Betroffener zu kämpfen hat.

Diagnosen:
Beim Chronischen Schmerzsyndrom nimmt in erster Linie der Bewegungsapparat die entscheidende Rolle ein.
Die häufigsten Diagnosen im Rahmen dieses Syndroms sind insbesondere:
– Low back pain (= lumbaler Rückenschmerz, meistens unklarer anatomischen Ursprungs)
– Fibromyalgie (= Weichteilrheuma mit starken Druckschmerzen an Muskeln, Sehnen, Bändern und deren Ansätze)
– Degenerative Erkrankungen (= Arthrose, Spondylose, Spondylarthritis, Osteoporose, etc.)
– Zervikobrachialgie (= Schulter-Nacken-Syndrom, Spannungskopfschmerzen)
– Migräne (= anfallartiger, meist einseitiger sehr starker Kopfschmerz mit Begleiterscheinungen)
– Tumorschmerzen (= entweder durch den Tumor selbst oder aufgrund der aggressiven Behandlung)
– Somatoforme Schmerzstörung (= Störungen ohne klaren medizinischen Ursprung, in der Regel bedingt durch psychische Krankheitsbilder – Somatisierungsstörung oder Hypochondrische Störung)

Die Wirkmechanismen der Entspannungsverfahren
Die Medizinischen Entspannungsverfahren setzen mit ihrer Wirkung an diversen Ebenen an und sind ein sehr geeignetes Behandlungselement im Therapiekonzept eines Betroffenen. So wird der durch den schmerzinduzierten innerer Anspannungs- und Unruhepegel herabgesetzt. Dysfunktionale Emotions- bzw. Gedankensmuster werden ausgeglichen und die nicht-schmerz-assoziierte Körperwahrnehmung wird verbessert.
Im Weiteren wird die Selbstwirksamkeit gesteigert und die Kontrollüberzeugung moduliert.
Im Allgemeinen durchbrechen die Entspannungsverfahren mit ihren Prinzipien den Teufelskreis verschiedener symptomaufrechterhaltender Mechanismen.

Modifikationen der Entspannungsverfahren
Grundsätzlich sind beim Chronischen Schmerzsyndrom alle Medizinischen Entspannungsverfahren geeignet. Dennoch ist die Wahl den jeweiligen Begleitsymptomen und individuellen Begebenheiten auszurichten.
In allen Anwendungen gilt jedoch immer: Nicht in den Schmerz hinein!!

Progressive Muskelentspannung: Während der Übung die Muskelpartie nur soweit anspannen, wie es nicht schmerzt. Bei ausgeprägten Schmerzen muss eventuell mit dem Generalisierungseffekt gearbeitet werden. Wenn das Anspannen der jeweiligen Muskelregion aufgrund auftretender Schmerzen gar nicht möglich ist, kann auch die Imagination (also der Vorstellung des Anspannens) zur Hilfe genommen werden.

Autogenes Training: Im Allgemeinen ist hier eine gute Aufklärungsarbeit zu leisten. Es kann aufgrund der Aufmerksamkeitslenkung zu einer vorübergehenden Schmerzverstärkung kommen. Ansonsten können im Rahmen des Autogenen Trainings die Formeln individuell abgeschwächt oder die Formelrepetition reduziert werden. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Lenkung der Aufmerksamkeit auf andere, sich gut anfühlende Körperregionen.

Achtsamkeits-Interozeption: In der Arbeit mit der Achtsamkeits-Interozeption kann nochmals auf die Bedeutung des Loslassens hingewiesen werden. In einem weiteren Schritt ist es jederzeit möglich, die Körperposition so anzupassen, dass die Schmerzen oder Unbehagen abnehmen bzw. ganz verschwinden. Auch ist es möglich, mit der Aufmerksamkeit etwas zu spielen und sie in Körperregionen zu lenken, die sich gut anfühlen. Durch die leichte Justierung des Qi-Flusses lässt sich ein Gegenpol zum Schmerz erschaffen (zB. bei Kopfschmerzen den Qi-Fluss durch das Anpassen der Armstellung in die Füsse lenken). Wenn es aufgrund der Schmerzen nicht mehr möglich ist zu üben, kann eine andere Übungszeit gewählt werden.

Im Übrigen gibt man dem Betroffenen den Hinweis ab, sich jederzeit zurück nehmen zu können.

Merke: Bei akut-entzündlichen Schmerzen ist das Anwenden von Medizinischen Entspannungsverfahren kontraindiziert und sollte nicht ausgeübt werden. Bei Somatoformen Schmerzstörungen psychischen Ursprungs ist die Steigerung des Wohlbefindens der Senkung der Schmerzen vorzuziehen.

So, jetzt ist`s genug, es schmerzt langsam.

Quellen:
Lehrskript medrelax 2014
Wissensaufbau Unterrichtseinheiten 2019 – 2021
Allgemeine Psychopathologie, Thieme Verlag

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